Die Rekonstruktion latènezeitlicher Gebäude in Schwarzenbach-Burg 2003-2005

Neben der rein wissenschaftlichen Fragestellung der seit 1992 durchgeführten archäologischen Forschungsprojekte werden die Ergebnisse in den Aufbau eines für die Regionalentwicklung der Buckligen Welt bedeutsamen Projektes zum Aufbau eines archäologischen Parks einfließen. Dabei kommt den einzelnen Baubefunden besondere Bedeutung zu, die in die im Rahmen dieses archäologischen Parks geplanten Rekonstruktionen urzeitlicher Bauten einfließen werden. Aber auch alle weiteren Ergebnisse der archäologischen Forschungen werden in die Rekonstruktion urzeitlichen Lebens eingebunden.

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Nach zehn Jahren archäologischer Forschungsarbeit konnte im August 2002 am Burgberg von Schwarzenbach unter der Leitung von VIAS mit Fördermitteln von EcoPlus mit der Errichtung eines weiteren Teils des im Aufbau befindlichen archäologischen Freilichtmuseums begonnen werden. Bisher wurden zwei eisenzeitliche Gebäude, ein Handwerkerhaus in Pfostenbautechnik und ein Speicherbau in Blockbautechnik rekonstruiert. Das Arbeitsteam setzte sich aus Archäologen, aus Holzhandwerkern und aus Gemeindebediensteten zusammen.

Voraussetzungen für einen wissenschaftlich vertretbaren Wiederaufbau waren ein intensives Studium der eisenzeitlichen Werkzeugkultur, sowie der archäologischen Baubefunde. Unser Ziel bei der Errichtung der Anlage ist eine weitest gehende Authentizität. Die Rekonstruktion basieren auf archäologischen Grabungsergebnissen. Die durch die Grabungen bisher freigelegten Gebäudereste weisen auf Hausstrukturen in Holzbautechnik hin. Es konnten Schwellbalken auf Steinunterlagen und Schotterfundamenten nachgewiesen werden. Daraus lassen sich sowohl Blockbauten, als auch Ständerbauten rekonstruieren. Kleinere Wirtschaftsgebäude wurden als Pfostenbauten ausgeführt, in denen sich Reste von Lehmestrichen fanden. Wohnhäuser waren bereits mit Holzböden in Form von Bretter- oder Balkenböden ausgestattet. Die Wände waren mit massiven Holzwänden als Blockbauten oder mit Spaltbohlen und Brettern errichtet. Für die Deckung der Dächer kommen vor allem Holzschindel, aber auch Stroh oder Schilf in Frage. Die verwendeten Baumaterialien standen auch in der Eisenzeit zur Verfügung., der Einsatz der verschiedenen Holzarten sowie der Verbindungstechniken und die dabei entstehenden Arbeitsspuren orientieren sich an archäologischen Vorbildern und entsprechen der eisenzeitlichen Holztechnologie.

Für die praktischen Arbeiten wurden Werkzeuge nach keltischen Vorbildern angefertigt. Das Werkzeugspektrum umfasst große Tüllenäxte, Lappendechsel, Ziehmesser, Löffelbohrer, Stemmbeitel, Zugsäge und Reißnadel. Im Zuge der Arbeiten wollten wir herausfinden, welche Werkzeugtypen sich für bestimmte Arbeiten besonders gut eigneten bzw. wo die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit lagen. Einzelne Arbeitsschritte werden so weit in den originalen Techniken ausgeführt, dass die dabei gewonnenen Erkenntnisse wissenschaftlich auswertbar sind.

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Das Handwerkerhaus wurde nach archäologischen Befunden von Schwarzenbach und Hallein als Pfostenbau mit vier stehenden Hölzern pro Seitenwand und annähernd quadratischem Grundriss von 550 auf 530 cm erbaut. Die Pfosten wurden etwa 80 cm in den Boden eingelassen und mit Keilsteinen und verdichtetem Erdmaterial stabilisiert. Dabei haben wir die Pfostenlöcher nach den eisenzeitlichen Vorbildern in den gewachsenen Felsen eingetieft. Die Konstruktionselemente wurden aus Eichenholz gefertigt, das sich durch seinen hohen Gerbsäureanteil als sehr widerstandsfähig gegen die holzzersetzenden Einflüsse des Bodens erwiesen hat. Die Wände bestehen aus liegenden Riegelhölzern, die an ihren Enden von zwei gegenständigen Seiten her konisch verjüngt und in seitliche Schlitze in die Pfosten eingelassen sind. Der Eingang befindet sich unter dem Giebelbereich im Südosten und kann durch eine massive Wendebohlentür geöffnet werden, deren Bohlen durch Gratleisten und Holznägel gesichert wurden. Das Gebäude wurde mit einem flachen Legschindeldach aus gespaltenen Lärchenbrettern eingedeckt. Im Gebäude soll die Werkstatt eines Küfers, Böttchers und Korbflechters der Eisenzeit vorgestellt werden.

Der Speicherbau wurde nach archäologischen Befunden von Schwarzenbach als Blockbau auf Steinfundament mit rechteckigem Grundriss von 410 auf 620 cm ausgeführt. Als Baumaterial diente bei dieser Konstruktion Fichten- und Tannenholz. An den Eckverbänden der Blockkonstruktion finden sich einfache Verkämmungen, bei denen die Holzelemente mit Tüllenäxten jeweils halbseitig rund eingehackt wurden, damit die nachfolgenden Bauteile fugenfrei aufgesetzt werden konnten. An den Längsseiten haben wir jeweils zwei Ständer durch Zapfen-Nut-Verbindungen eingearbeitet, welche die Fußpfetten tragen. Zwischen den beiden Ständern im Südwesten befindet sich ein Eingangsbereich. Die Firstpfette ruht auf zwei innen an den Giebelseiten anliegenden Pfosten, die etwa 70 cm in den Marmorfelsen eingelassen sind. Das Dach wird durch eine Konstruktion aus Rofen- und Lattenhölzern gebildet, die das steile, durch geschmiedete Eisennägel gesicherte Spaltschindeldach tragen. Innen findet sich ein Boden aus Eichenbohlen unter dem in der nordöstlichen Ecke ein unterirdischer Getreidespeicher für das Saatgut angelegt wurde. Im Museumsbetrieb wird das Gebäude als Speicher für Nahrungsmittel, wie Getreide, Gemüse, Früchte und Fleisch genutzt werden.

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Archäologische Freilichtmuseen erlebten in den letzten Jahren europaweit einen Boom, dessen Ende sich zur Zeit noch nicht absehen lässt, ein Trend, der besonders für die Archäologie eine große Herausforderung darstellt. In archäologischen Freilichtanlagen finden wir eine zeitgemäße Form der Wissensvermittlung. Rekonstruierte Häuser lassen sehr viel über ihre Bewohner und deren Wirtschaftsweise, sozialen Status und Broterwerb erahnen und geben so einen umfassenden Eindruck von den Lebensumständen und vom Kulturniveau ihrer Zeit.

Experimentelle Archäologie ist wie kaum eine andere wissenschaftliche Methode geeignet, archäologische Interpretationen von Grabungsbefunden in der Praxis zu erproben. Gerade in den letzten Jahrzehnten spielen dabei Rekonstruktionen von Baubefunden eine immens wichtige Rolle, um ein möglichst vollständiges Bild vergangener Epochen zeichnen zu können. In diesem Sinne verstehen wir die Rekonstruktion von urgeschichtlichen Objekten als wichtigen Bestandteil der wissenschaftlichen Forschung.


Rekonstruktion 1994

Die Ausgrabung der Wall-Grabenanlage, die auf der Grundlage von Bodenwiderstandsmessungen durchgeführt wurde, zeigte gut erhaltene Steinstrukturen der ehemaligen massiven Befestigung. Es konnte erstmalig in Österreich der Nachweis einer Pfostenschlitzmauer in typisch keltischer Bauweise erbracht werden. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Ausgrabungsergebnisse erfolgte im Rahmen einer Diplomarbeit. Die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen wurden 1994 an Ort und Stelle Form einer Rekonstruktion mit entsprechenden Informationstafeln sowie durch eine Ausstellung im Ort mit Videodokumentation dem Publikum zugänglich gemacht.

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Rekonstruktion der spätlatènezeitlichen Befestigungsanlage


Stroh, Rinde oder Schindel? 

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Wie kommen Archäologen eigentlich zu ihrem Wissen über das Aussehen und die Beschaffenheit keltischer Dächer, wo bei Ausgrabungen doch nur ein spärlicher Überrest der Häuser zutage tritt?

Tatsächlich nimmt der interpretative Charakter eines historischen Hausmodells mit jedem Zentimeter an Höhe zu und es gibt Variablen bei der Errichtung von keltischen Gebäuden, bei denen wir im Unsicheren tappen. Doch es sind nicht immer nur die Hinterlassenschaften im Boden, also die Befunde, welche Aufschluss geben können.

Bevor es an den Bau der Hausmodelle geht, versuchen wir alle verfügbaren Quellen auszuschöpfen. Neben den im Boden erhaltenen Überresten keltischer Gebäude, ist es vor allem das Wissen über das Klima und die Ressourcen einer Gegend, die Aufschluss über das verfügbare Baumaterial geben. Aus der Eisenzeit kennen wir ebenfalls Darstellungen von Hausgrundrissen auf Felsritzbildern oder einfache Graffiti auf Keramik. Wichtige Quellen sind auch die technologischen Errungenschaften der Eisenzeit, neue Werkzeuge, welche die Holzbautechnik vorantrieben und völlig neue Wege im Hausbau eröffneten. Wir finden zahlreiche Überreste dieser Werkzeuge, sei es in Form von Bruchstücken oder in Form von Bearbeitungsspuren an Holzstücken. 


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Schon vor Beginn des Baus unserer keltischen Hausrekonstruktion stoßen wir bei der Wahl der Lage auf die gleichen Probleme wie die einstigen Bauherren. Denn am Burgberg in Schwarzenbach gab es auch schon in keltischer Zeit kaum ebene Flächen zur Bebauung. Die Kelten mussten sich – wie wir – die geeigneten Bauplätze für ihre Häuser entlang des Hanges erst schaffen. Die archäologischen Untersuchungen zeigen uns, welche Techniken und Methoden die Kelten beim Anlegen der Siedlung angewandt haben. Bei einigen Gebäuden haben sie den Boden hangseitig etwas abgegraben und das entnommene Material unterhalb aufgeschüttet, um so eine annähernd ebene Fläche zu schaffen. Eine weitere Möglichkeit um besonders hohe Niveauunterschiede im Gelände auszugleichen ist das Anlegen eines Steinfundaments. Auf diese Technik haben wir schließlich auch bei unserer Rekonstruktion zurückgegriffen. 

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Die dafür benötigten Steine haben teilweise ein Gewicht von über 1000 kg und konnten nur mit Hilfe von Hebelstangen bewegt werden. Zum Transport verwendeten wir eine einfache Holzplatte, auf der wir die Steine mittels Seil über Rollen aus Holz gezogen haben. Die Trockensteinmauer unseres keltischen Hauses misst an der Hangseite etwa 20 cm, an der Talseite musste sie jedoch auf eine Höhe von 80cm aufgebaut werden. Hier liegen besonders massive Steinblöcke unter etwas kleineren Steinen.


Für die praktischen Arbeiten wurden Werkzeuge nach keltischen Vorbildern angefertigt. Das Werkzeugspektrum umfasste große Tüllenäxte, Lappendechsel, Ziehmesser, Löffelbohrer, Stemmbeitel, Zugsägen und Reißnadeln. Im Zuge der Arbeiten versuchen die Wissenschaftler herausfinden, welche Werkzeugtypen sich für bestimmte Arbeiten besonders gut eigneten bzw. wo die Grenzen der Leistungsfähigkeit des keltischen Holzhandwerkszeugs lagen.

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Werkzeuge (Beil, Dechsel, Meißel) zur Bearbeitung des Bauholzes